ZBGs Wilde Gesellen

Anfang der 1970er Jahre bildete sich die Gruppe »Wilde Gesellen«. Es war die junge Generation, die tatendurstig und vom Klettern besessen war und ihren Weg über das wilde Kraxeln zu der Zittauer Bergsteiger Gemeinschaft (ZBG) gefunden hatte. Die Idee, im Rahmen von ZBG einen Unterkletterklub zu gründen, basiert darauf, dass es in einem bestimmten Alter (meist in der Jugend) einfach notwendig erscheint, sich etwas zu schaffen, was sich vom Übrigen, Traditionellen, Ehrwürdigen durch seine Einmaligkeit, Wildheit und jugendliche Freizügigkeit abhebt. Spaltertum und Separatistenabsichten waren nicht gewollt, sondern es sollte eine gesunde Opposition her, welche mit Geselligkeit und sportlicher Leistung das Klubleben bereicherte.
Eine ganze Reihe von Schülern, Abiturienten und Lehrlingen stieß zu den Bergsteigern, da war es nur verständlich sich zusammenzutun, gemeinsam zu klettern und was loszumachen. Noch hatten wir freie Hand und brauchten uns nicht der Familie, der Arbeit, dem Wohlstandsdenken (Auto, Wohnung) – wie es meist älteren Klubmitgliedern ergeht – unterzuordnen.
Die »Wilden Gesellen« – das waren Alti, Bauer, Joppe, Lef, Lisa, Loht’l, Meggi, Mungo, Mumpel, Rudi, Toni und Wichti. Später kamen noch die »Schnellen Gemsen« und Teile der »Satansgilde« dazu. Es wurde nicht jeder bei den »Wilden Gesellen« aufgenommen, und mancher hat es auch abgelehnt zu ihnen zu gehören.
Die Sektionsleitung und die älteren Sportfreunde fanden es am Anfang gar nicht lustig, dass sie sich als ZBGs »Wilde Gesellen« ausgerufen hatten und sich auch so in die Gipfelbücher eintrugen.
Wer bei den »Wilden Gesellen« dabei war, hatte Anteil am leistungsorientierten Klettern, an einer Menge Erstbegehungen, an vielen fröhlichen Ausfahrten und vor allem am geselligen Beisammensein.
Ersten Ruhm brachten die »Wilden Gesellen« vom 2. Treffen Junger Bergsteiger in Oybin mit – es waren die meisten Minuspunkte. Aufgrund eines äußerst zweifelhaften Regelwerkes sprang nur der letzte Platz in der Gesamtwertung heraus. Es muss wohl an Disziplin gemangelt haben. Jedenfalls hatte unser Betreuer Jochen Berka kein leichtes Zusammenarbeiten mit dem uns nicht wohl gesonnenen Organisationschef Werner Bonitz (Armeesportverein Zittau). Es muss wohl daran gelegen haben, dass Lef einmal unvermittelt im Zimmer des Org-Chefs auftauchte und dessen Frau in Unterwäsche vor ihm stand und mächtig zu schreien anfing.
1972 konnte der erste Titel »Meisterklasse« für ZBG durch Bernd Franze gefeiert werden. Damit reihte sich ein »Wilder Geselle« in die Reihe der leistungsstärksten Zittauer Kletterer ein.
Berühmt-berüchtigt waren die Fahrten in die Janello-Hütte in Krippen. Diese Fahrten waren aufgrund des meist schlechten Wetters wahre Bildungsfahrten. So hatten wir Gelegenheit, die Kneipen der Umgebung kennenzulernen. Einmal wollte uns ein angrenzender Grundstücksbesitzer nachts die Polizei und den Bürgermeister auf den Hals hetzen, weil er sich in seiner Ruhe gestört fühlte und kein Verständnis für unsere Liederabende aufbringen konnte. Ein anderes Mal wären wir fast durch den Grenz-ABV festgenommen worden, weil er was gegen das Anzünden von Blitzknallern am Zeughaus hatte. Natürlich konnten die »Wilden Gesellen« auch zahm sein, besonders dann, wenn es galt, die Bergsteigermädel aus Brandenburg für sich zu gewinnen.
Mit Grauen denken bestimmt einige »Alte Frauen« noch an gemeinsame Klubausfahrten zurück, bei denen sie die Ausgelassenheit und Sangesfreude der »Wilden Gesellen« als nächtliche Ruhestörung empfanden und Probleme mit ihren zu neuer Geselligkeit erwachten Ehemännern hatten.
Auch beim traditionellen Stiefeltrinken in unserer Hütte sammelten wir fleißig Punkte. Stimmungsvolle Beiträge der »Wilden Gesellen« verliehen den Sonnenwendfeiern und dem Abklettern neuen Glanz. Nach einer Parodie über die Alpine Balkantour drohte man uns von der Sektionsleitung sogar mit Konsequenzen. Das Verhältnis zwischen den »Wilden Gesellen« und den »Alten Herren« war aber meist eine liebenswerte »Vater-Sohn-Beziehung«, so beschreibt es jedenfalls Dieter Pilz in einem älteren »Gipfelbuch«. Die Söhne schlagen dabei teils über die Stränge.
So hatten die »Wilden Gesellen« natürlich als Statussymbol eine Fahne und einen Wimpel. Bei einem Abklettern entführten ungezähmte »Alte« die Urstandarte der Jungen. Da Rache süß sein und für höhere Taten die Basis liefern soll, verschwand bald darauf der Wimpel der Senioren. Er wurde kurz darauf auf dem Gipfel des Kelchsteins entdeckt, wo Wolla, der wildeste »Alte Herr« ihn wieder herunterholte.
Aber geklettert wurde auch viel. So konnte mehrmals die Meisterklasse oder eine andere Sportklassifizierung erreicht werden. Ein Denkmal für alle »Wilden Gesellen« wurde 1975 mit der Erstbegehung des »Weg der Wilden Gesellen« VIIIb am Gratzer Felsen gesetzt.
Nachdem dann die Armeezeit hinter uns lag, traten langsam geordnete Verhältnisse ein. Nach und nach suchte sich jeder ein Weib und gründete eine Familie. Rudi und Lisa sind das einzige Paar, was aus den »Wilden Gesellen« hervorgegangen und auch heute noch miteinander verheiratet ist. Aus den »Wilden Gesellen« wurden so brave Eheleute, und einige – die leistungsstärksten – wurden Mitglied in der Nationalmannschaft Alpinistik der DDR (Bauer, Max, Mumpel und Joppe). So wurde neuer Ruhm für die ZBG in den für den Normalbürger unerreichbaren Hochgebirgen des Kaukasus, Pamir oder Tienschan begründet.
1987 fand das erste Kinderfest statt, es wurde organisiert von den inzwischen zu Vätern gewordenen ehemaligen aktiven »Wilden Gesellen«.
Mit dem Bau der Hütte in Hohnstein 1987 – 1990, deren Realisierung in der Hauptsache unter der Leitung von den Mitgliedern der »Wilden Gesellen« erfolgte, konnte eindrucksvoll nachgewiesen werden, dass man mehr kann als wild zu sein. Mit Gunter, Lef, Anke und Joppe wurden dann auch ab 1989 die neuen Sektionsleitungsmitglieder gestellt und die Aufnahme in den Deutschen Alpenverein besiegelt. 1994 setzte unser Mumpel nochmals ein bergsteigerisches Zeichen mit der Durchsteigung der Matterhorn-Nordwand.
Wenn man heute nach 40-jährigem Bestehen der »Wilden Gesellen« zurückblickt, bleiben Erlebnisse und schöne Stunden, wie man sie nur in solch einer Gemeinschaft erleben kann. Vorausschauend freuen wir uns auf das baldige Erreichen des Rentenalters, um dann hoffentlich bei entsprechender Gesundheit wieder viele gemeinsame Touren zu unternehmen.

Obwohl wir erst dachten die einzigsten »Wilden Gesellen« zu sein, hat sich herausgestellt, dass es in jeder Generation »Wilde Gesellen« gab und gibt. Eins aber wollen wir ganz klar und deutlich sagen, wir waren die wildesten aller »Wilden Gesellen«!

Dieser Beitrag ist der Chronik des DAV-Zittau entnommen und von Detlef Stannek verfasst worden.
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